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Sexismus – nur was sagbar wird, wird besiegbar

Donald Trump redet herabwürdigend über Frauen – und es gibt eine heftige Reaktion. Eine Berliner Kommunalpolitikerin kritisiert öffentlich sexistische Behandlung in ihrer Partei – und es gibt immerhin eine Debatte in allen Leitmedien.

Im Fall Trump ist es augenscheinlich keine betroffene Frau, die das Thema öffentlich machen musste.

Im Fall der Berliner CDU zahlt die Frau, die es gewagt hat, das Thema anzusprechen, einen hohen Preis. Genau wie Laura Himmelreich, die Stern-Journalistin, die ihre Begegnung mit einem FDP-Politiker öffentlich gemacht und damit eine Debatte über Alltagssexismus ausgelöst hat, rückt sie selbst in den Focus der Aufmerksamkeit, wird sie zum Objekt übler Beschimpfungen in Online-Foren, von Charakterfernstudien der Bundespresse samt Analysen ihrer angeblich wahren, unehrenhaften Motive.

Das ist immer noch so: Sexismus zu benennen ist für jede Frau hochriskant. Sie muss davon ausgehen, dass ihr Unsachlichkeit vorgeworfen wird, bösartige Motive, Machtstreben, Intriganz oder – der Klassiker – dass sie das alles selbst provoziert hat. Mir ist kein Fall in Erinnerung, in dem das nicht passiert wäre – und zwar seit Waltraud Schoppes Rede im Bundestag 1983 nicht. Mir ist umgekehrt nicht in Erinnerung, dass solche Fremdzuschreibungen eines verkorksten Charakters an der Tagesordnung wären, wenn jemand etwa auf Korruption oder andere systemische Missstände aufmerksam macht.

Mancher wird sagen: Das wird man doch noch in Frage stellen dürfen, ob das so stimmt, was die Frauen sagen, und ob es ihnen nicht um etwas ganz anderes geht. Ja, klar, auch Frauen haben kein Recht, Lügen über andere zu verbreiten. Allerdings erfolgt die persönliche Herabwürdigung der Frauen, die es wagen, als Betroffene über Sexismus zu sprechen, in der Regel, ohne dass dabei die Fakten überhaupt eine Rolle spielen. Die Fakten sind gar nicht bestritten, und die Tatsache, dass es Sexismus in der Gesellschaft und damit auch in der Politik gibt, und zwar in erheblichem Maße, kann niemand bestreiten, der Augen im Kopf hat. Auch in den Fällen Himmelreich und Behrends werden die Fakten nicht dementiert. Aber einer jungen Kommunalpolitikerin werden unehrenhafte Motive unterstellt. So hat man die Frauen schon immer zum Schweigen gebracht, so zementiert man die frauenfeindlichen Strukturen.

Frauen wissen das, und deshalb schweigen die meisten: Über den Alltagssexismus in Wort und „Witz“ genauso wie über sexuelle Übergriffe in der Politik. Das Unsagbare wird ausgehalten, überhört, weggelächelt. Frauen stellen sich darauf ein: In ihrer Kleidung, in ihrem Habitus, sie passen sich an. Dass selbst Männer, die Frauen jeden Respekt entgegen bringen, oft gar keine Vorstellung davon haben, wie die Situation tatsächlich ist, liegt auch an diesem Schweigen. Dass andere Männer gar keine Gelegenheit erhalten, ihr Verhalten als – zum Beispiel – halbstarke Jungpolitiker zu reflektieren und zu lernen, auch das liegt an diesem Schweigen.

Aus den sechs Jahren, in denen ich an Sitzungen der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung als Dezernentin teilnahm, wird mir eine Debatte unvergessen bleiben. Ursula auf der Heide, grüne Stadtverordnete, hatte einen klugen Antrag auf den Weg gebracht, in dem es darum ging, die medizinische Versorgung von Vergewaltigungsopfern in den Frankfurter Krankenhäusern zu verbessern. Daraus entstand ein erfolgreiches Modellprojekt, das mittlerweile in vielen anderen Städten übernommen wird.

Die FDP hatte sich von einem damaligen Fraktionsmitglied einen Gegenantrag aufschwätzen lassen, der von frauenfeindlichen Klischees nur so troff. Schon die Auseinandersetzungen in den Ausschüssen dazu waren heftig. Am Mittwoch nach der Fraktionssitzung der Grünen saßen wir lange mit unseren grünen Männern in der Kneipe und haben geredet: Über unsere Erfahrungen, darüber, was sie davon eigentlich mitbekommen, darüber, wie sie eigentlich reagieren, wenn in den reinen Männerrunden der eine oder andere blöde Spruch fällt.

In Plenum der Stadtverordnetenversammlung kam das Thema kurz vor Mitternacht auf die Tagesordnung, die Presse war längst nicht mehr im Raum. Die Männer begannen, in ihren Sitzen herumzurutschen, manche zu grinsen und zu feixen. Und da ist etwas passiert, was sich kaum beschreiben lässt. Es ging eine Art Ruck durch den Saal, und die Frauen aller Fraktionen, von Ökolinx bis CDU, mit Ausnahme der FDP, sind innerlich oder tatsächlich aufgestanden. Es ging um diesen Antrag, aber es ging auch um das Unsagbare, das Ungesagte, was diese Frauen in all den Jahren kommunalpolitischer Arbeit ausgehalten haben. Das war der Abend, an dem ich Jutta Ditfurth, mit der mich sonst wenig verbindet, am liebsten um den Hals gefallen wäre für ihre Rede, und Jutta Ditfurth ihrerseits einen Antrag gelobt hat, auf dem oben unter anderem „CDU“ stand – eigentlich ein undenkbarer Vorgang.

Wer sich für das Wortprotokoll dieser denkwürdigen Sitzung interessiert: Hier kann man die Debatte nochmal nachlesen, ab Seite 73.

Das war unser immer noch stiller Aufschrei. Das hat das Schweigen nicht beendet, nicht die Infamie gegenüber Frauen, die sexistische Muster beim Namen nennen, und nicht den Sexismus. Aber es war ein Schritt, und es kam Aufschrei, und die Debatte wird nicht enden.

Nein, das ist kein Luxusproblem europäischer privilegierter Frauen, die sonst keine echten Sorgen haben. Ein herabwürdigender Spruch, die Wahrnehmung von Frauen nicht als Politikerinnen oder Kolleginnen, sondern als Sexualobjekte sind nicht das Selbe wie eine Vergewaltigung oder ein sexueller Übergriff. Aber das ist die Geisteshaltung, die uns Frauen daran hindert, frei und gleichberechtigt zu sein. Überall auf der Welt.

Wenn sich jetzt der eine oder andere Mann fragt, was er eigentlich tun kann, nur so viel: Redet mal mit den Frauen in Eurem Umfeld über ihre Erfahrungen. Fragt sie. Und steht im Fall des Falles mit uns auf.

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