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Pionier sind wir. Die Eisenmanns in Bad Bocklet

Ich werde überschüttet mit Einladungen zu Workshops regionaler Allianzen, Tagungen zur Städtebaupolitik des Freistaats Bayern für den ländlichen Raum, Fördermittelbescheidüberreichungen für Dorfentwicklungsprojekte und Vorstellungen von Modellprojektzwischenberichten: Alles zum Wohle des ländlichen Raums. Demografiekonzepte, Verkehrskonzepte, integrierte Konzepte für alles Mögliche… jeweils mit eigenem Logo und Abkürzung.

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Ich schaffe es nicht zu einem Bruchteil dieser Veranstaltungen. Ich vermute, die ehrenamtlichen Gemeinderäte, die Bürgermeisterinnen und Oberbürgermeister und die Mitarbeiterinnen der Kreisverwaltungen in Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld und Haßberge schaffen es auch nicht. Und ich habe auch noch keine einzige Bürgerin und keinen Bürger im Wahlkreis getroffen, die mir begeistert von der Teilnahme an einem der begleitenden Partizipationsworkshops berichtet haben. Die Lokalzeitungen berichten überwiegend: Ratlosigkeit über mangelndes Interesse.

Der ländliche Raum wird sich neu erfinden. Davon bin ich überzeugt. Das ist eine großartige, aufregende Situation voller Chancen, ein Moment für Ideen, für neues Denken! Eine ganze Armada von staatlich beauftragten Agenturen und Projektmanagern wird deswegen auf den ländlichen Raum losgelassen und müht sich ab, die lokalen Institutionen und die Bevölkerung dafür zu begeistern. Und überwiegend zucken die Menschen mit den Schultern und wenden sich ab.

Wenn man dann unterwegs ist im Wahlkreis, dann trifft man sie, die Pioniere des Wandels. Und – erstaunlicherweise – sind das auch Leute, die nichtmal in den Dunstkreis eines Fördermittelbescheids geraten sind. Leute, die einfach ihr Ding machen. Leute, die vom Staat gar nichts wollen, außer vielleicht, dass er ihnen ein paar bürokratische Hindernisse aus dem Weg räumt. Oder wenigstens nicht noch mehr dazu packt.

Nehmen wir Doris und Martin Eisenmann aus Bad Bocklet. Beide stammen aus dem ländlichen Raum in Unterfranken, beide waren weg aus der Heimat, erst zur Ausbildung als Buchhändlerin und Einzelhandelskaufmann, dann zum Studium der Pharmazie und der Informatik. Beide haben irgendwann entschieden: Wir wollen frei sein, wir haben keine Lust auf diese Zwänge der Großstadt. Wir gehen zurück auf’s Land. Wo wir unsere Kinder in Freiheit groß werden lassen könne. Wo wir unser Ding machen können.

Sie haben nach einer Apotheke gesucht. In Bad Bocklet war eine zu erwerben, und Bad Bocklet, damals noch ein Ort vorwiegend für die ältere Generation, war ihnen sympathisch. „Bad Bocklet mochte uns,“ sagt Doris Eisenmann, wenn sie sich an den sonnigen Tag der ersten Besichtigung der Brunnen-Apotheke in Bad Bocklet erinnert. Also Apotheke übernommen, mit hohem eigenem Risiko. Und von Anfang an investiert: In das Gebäude, in die Qualität der Beratung. Obwohl es nicht viel Konkurrenz gibt, will Doris Eisenmann das Beste für ihre Kunden bieten.

Martin Eisenmann war in seinem Erstberuf als Einzelhändler schon ein Pionier des Online-Handels, dann hat er auch noch Informatik studiert. Aber – typisch Pionier – als andere angefangen haben, darüber nachzudenken, was der Online-Handel für den traditionellen Einzelhandel bedeutet, ist er gerade den entgegen gesetzten Weg gegangen und hat neben der Apotheke seiner Frau eine echte Buchhandlung eröffnet. Wieder hohes Risiko. Als der Lottoladen in Bad Bocklet dicht gemacht hat, hat Martin Eisenmann den integriert, Pakete kann man auch abholen bei ihm. Er bietet regionale Produkte an. Und er achtet darauf, dass sie wirklich regional sind. So haben die Eisenmanns mit Apotheke und Buchladen einen neuen Mittelpunkt für Bad Bocklet geschaffen, der bei Kurgästen und Einheimischen beliebt ist.

Die Eisenmanns haben sich von Anfang an in Vereinen engagiert, haben mit anderen jungen Eltern Bad Bocklet Stück für Stück zu einem attraktiven Wohnort für Familien gemacht. Und weil sie den Pioniergeist im Blut haben, entwickeln sie immer neue Ideen. Die Apotheke hat einen Lieferservice für Medikamente. Dieser Lieferservice bringt mittlerweile auch die Bücher aus der Buchhandlung, schneller als bei Amazon. Und weil Medikamente sowieso Kühlung brauchen, ist der Lieferservice der Apotheke eigentlich perfekt dazu geeignet, auch noch anderes zu transportieren, gerade für ältere Menschen, die nicht mehr mobil sind, oder für Familien, in denen beide Eltern pendeln und gar nicht mehr die Zeit finden, sich nach der Arbeit noch um den Einkauf zu kümmern. Martin Eisenmann bastelt an neuen Netzwerken.

Was wünschen sich die Eisenmanns von der Politik? Keine Logos, keine Konzepte, noch nicht mal Fördermittel. Die Eisenmanns wollen nicht wachsen, sondern sie wollen die Bevölkerung bei ihnen vor Ort vernünftig versorgen, sie wollen von ihrer Hände Arbeit leben, und sie wollen Synergien nutzen. Das geht nur, wenn ihnen die Politik nicht immer mehr bürokratischen Aufwand auflädt, den sie angesichts der begrenzten Nachfrage gar nicht erwirtschaften können. Wenn die Politik nicht Regeln aufstellt, die den Bedürfnissen der Menschen im ländlichen Raum widersprechen. Wenn man sie einfach machen lässt, was für Bad Bocklet vernünftig ist. Ich habe eine glückliche Familie mit drei wunderbaren Buben getroffen, voller Ideen, mutig, engagiert, innovativ. Ich habe die Zukunft des ländlichen Raums gesehen. Sie liegt in einer liberalen Politik. In einer Politik, die die Leute machen lässt.

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