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Organspende: Meine Entscheidung

In dieser Woche haben wir im Bundestag über zwei Wege zur Verbesserung der Verfügbarkeit von Spenderorganen in Deutschland abgestimmt. Ich selbst habe mich schon lange für die Organspende entschieden und seit vielen Jahren einen Spenderausweis in meinem Geldbeutel.

Zur Abstimmung standen zwei Vorschläge mit folgenden Grundzügen: Einmal der Vorschlag von Annalena Baerbock, Hermann Gröhe und anderen, der darauf zielt, die Wege zu erleichtern, sich für die Organspende zu entscheiden: Durch ein zentrales Organspenderegister, in das sich jeder online eintragen kann. Durch verbesserte Informationen, auch über die HausärztInnen. Und durch eine regelmäßige Nachfrage („Zustimmungslösung“), etwa bei der Verlängerung von Ausweisdokumenten. Zum anderen der Vorschlag von Karl Lauterbach, Jens Spahn und anderen, darüber hinaus noch zu regeln, dass jeder, der einer Organspende nicht ausdrücklich widersprochen hat, als Organspender gilt („Widerspruchslösung“).

Eines gilt ganz sicher für so gut wie alle Kolleginnen und Kollegen im Deutschen Bundestag: Wir alle haben uns mit dem Leid derjenigen auseinandergesetzt, die selbst oder deren Angehörige monate- und jahrelang auf den Anruf warten, dass für sie ein Spenderorgan bereit steht. Deren Lebensqualität drastisch eingeschränkt ist. Und das Leid, wenn ein solches Organ nicht rechtzeitig zur Verfügung steht. Ich selbst habe natürlich das Schicksal der Familie von René aus Fuchsstadt vor Augen, dessen Eltern alles unternommen haben, um seine Chancen auf ein Spenderherz zu erhöhen. Und der es nicht geschafft hat, sondern mit nur sieben Jahren in der Silvesternacht verstorben ist. Ich habe mit Freunden und Bekannten gesprochen, deren Kinder mit einem Spenderorgan leben und die irgendwann voraussichtlich wieder erneut auf ein solches Organ warten müssen. Ärztinnen und Ärzte, betroffene und nicht betroffene Bürgerinnen und Bürger haben sich in großer Zahl an uns Abgeordnete gewandt. Vielen Dank dafür. All diese Gespräche, die Mails und die Briefe haben wir berücksichtigt, gewogen, wir haben viel untereinander diskutiert in den letzten Monaten.

Ich habe für die Zustimmungslösung und gegen die Widerspruchslösung gestimmt. Warum? Das Recht zur Bestimmung über den eigenen Körper gehört für mich zum unveräußerlichen Kern der Menschenwürde. Die Entscheidung für eine Organspende bedeutet die Zustimmung dazu, dass in den Sterbeprozess eingegriffen wird, dass Körperfunktionen weiter aufrechterhalten werden, und dass Organe entnommen werden. Diese Entscheidung müssen die Menschen frei treffen können. Die Mehrheit der Deutschen steht der Organspende positiv gegenüber. Die Menschen sind überwiegend bereit zu diesem besonderen Akt der Solidarität. Mir ist aber auch wichtig: Wenn sich Menschen gegen eine Organspende entscheiden, müssen wir diese Entscheidung akzeptieren. Die Zahl derjenigen, die sich in Sachen Organspende entschieden und diese Entscheidung auch dokumentiert haben, auf einem Organspendeausweis oder in einer Patientenverfügung, ist in den letzten Jahren gestiegen. Das zeigt, dass das Werben für die Organspende nicht nutzlos ist, dass es sich lohnt, hier weiter zu arbeiten.

Warum haben wir dann deutlich weniger Transplantationen in Deutschland als in anderen europäischen Ländern? Zum einen, weil in anderen Ländern nicht der Hirn-, sondern der Herztod Voraussetzung für die Organspende ist. Damit kommen dort von vorneherein deutlich mehr Spender in Betracht. Zum anderen wird in Deutschland, selbst wenn der Hirntod festgestellt ist, nur ein Bruchteil davon als möglicher Organspender gemeldet. Ein Faktor mag dabei auch sein, dass zwar die Mehrheit der Bevölkerung der Organspende positiv gegenüber steht, aber nur 39 Prozent diese Entscheidung bislang dokumentiert haben. Das einfacher zu machen, ist Ziel der Zustimmungslösung. Viel wesentlichere Faktoren sind aber die Strukturen in unseren Krankenhäusern: Etwa eine ausreichende Personalausstattung und Refinanzierung der Transplantationsbeauftragten. Hier hat der Bundestag erst vor kurzem Verbesserungen beschlossen, deren Wirksamkeit wir genau beobachten müssen. Ich bin aber überzeugt davon, dass diese strukturellen Maßnahmen der entscheidende Hebel sind, um Fälle, in denen sich Menschen für die Organspende entschieden haben, und diejenigen, die diese benötigen, zusammen zu bringen.

Ein häufiges Argument derjenigen, die noch einen Schritt weiter gehen wollen und mit der Widerspruchslösung eine „Pflicht zur Entscheidung“ einführen wollen, war, dass es jedem Menschen zumutbar sei, sich mit der Frage der Organspende zu befassen und gegebenenfalls die Folgen einer Nichtentscheidung hinzunehmen. Der Staat erlegt Menschen viele Pflichten auf, und das ist auch legitim. Hier aber geht es um sein allerpersönlichstes Gut, seinen Körper. Dieser Körper gehört ihm allein, nicht dem Staat und keiner Solidargemeinschaft. Wir müssen auch anerkennen, dass eben nicht alle Menschen gleich sind: Sie sind nicht gleichermaßen in der Lage, sich mit solch schwierigen Fragen zu beschäftigen, sich darum zu kümmern, dass eine Entscheidung dann auch dokumentiert wird. Es gibt Menschen, die sind in einer Lebenskrise, die haben ganz existenzielle Sorgen, die haben Angst vor dem Thema Tod, oder Angst vor Behörden und machen schon lange ihre Post nicht mehr auf. Der Staat darf sich aber nicht an die Stelle dieser Menschen setzen und ihnen die Entscheidung über ihren eigenen Körper abnehmen.

Was wir ändern können und müssen, ist alles dafür zu tun, dass die Verstorbenen, die geeignet sind zu spenden und dem zugestimmt haben, auch wirklich für eine Transplantation herangezogen werden. Aber was wir uns auch bewusst machen müssen: So lange wir nicht auf anderem Wege Ersatzorgane herstellen können, wird uns Leid, das mit der Hoffnung auf das knappe Gut Spenderorgan verbunden ist, begleiten, genauso wie wir dem nicht entkommen können, dass die Rettung eines Menschen durch die postmortale Organspende eben den Tod eines anderen voraussetzt. Ich bitte Sie: Setzen sie sich damit auseinander, ob sie ihre Organe im Falle des Falles anderen zur Verfügung stellen wollen, damit diese weiter leben können. Dokumentieren Sie Ihre Entscheidung: Ganz einfach im Organspendeausweis, den Sie etwa in Apotheken erhalten. Oder demnächst im bundesweiten Organspenderegister.

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