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Die drei Fragezeichen und die rätselhaften 3,5 Millionen. Ist der Nahverkehr im Landkreis Bad Kissingen gut?

Es geht auf die Kommunalwahl zu. Es mehren sich die Berichte in der Saale-Zeitung über das Thema „Öffentlicher Personennahverkehr“. Neulich im Bericht über den Kreisausschuss, gestern im Bericht über die Bürgermeisterdienstbesprechung. Das ist freut mich, denn das ist mein Lieblingsthema.

Noch schöner ist, dass die Lage auf den ersten Blick rosarot ist: 3,5 Millionen Fahrgäste sollen mit den Bussen im Landkreis unterwegs sein, davon gut 705.000 im Stadtbusverkehr Bad Kissingen. 102 000 Kurgäste seien in 2018 umsonst mit ihrer Kurkarte gefahren. Die Freizeitbusse würden gut angenommen. Der Nahverkehrsbeauftragte des Landkreises meint: „Das sind hervorragende Zahlen. Das ist ein Angebot, das sich sehen lässt.“ Wenn er ergänzt: „Das Angebot ist nicht so schlecht, wie das der eine oder andere sagt“, dann fühle ich mich gleich persönlich gemeint, denn mein Urteil fällt viel kritischer aus. Also frage ich mich: Hat er Recht? Bin ich ungerecht? Ist alles ganz in Ordnung?

3,5 Millionen Fahrgäste jährlich in den Bussen – das klingt enorm viel. Davon sollen auf den Stadtverkehr Bad Kissingen rund 700.000 Fahrgäste entfallen. Wären also immer noch 2,8 Millionen Fahrgäste im Überlandverkehr des Kreises. Was mich stutzig macht: Ich persönlich kenne niemanden, keinen einzigen erwachsenen Menschen im Landkreis Bad Kissingen, der mit dem Bus fährt. Ich kenne keinen, der hier wieder Bus gefahren ist, seit er die Schule verlassen hat. Ich kenne auch keinen, der einen kennt. Einzige Ausnahme bin ich selbst, da ich immer mal wieder versuche, den Bus zu nehmen. Wenn ich wirklich mal Zeit und keinen Termindruck habe. Also auch selten. Wie kann das sein? Lebe ich in einer Blase, und kriege nur nicht mit, dass die Busse der Riesenschlager sind? Wo sind diese 2,8 Millionen Fahrgäste, wenn ein leerer Bus vorbei fährt? Verstecken die sich unter den Sitzen?

Ich erkläre mir dieses Nahverkehrswunder so: Von den 103.265 Einwohnern des Landkreises waren Ende 2017 exakt 10.834 zwischen 6 und 18 Jahre alt. Pi mal Daumen sind das die jungen Leute im Landkreis, die im schulfähigen Alter sind. Die Schüler, die an den Schulorten wohnen, werden nicht mit dem Bus fahren, sondern mit dem Rad oder zu Fuß gehen. Nicht wenige verlassen die Schulen schon, bevor sie 18 werden. Wenn der Landkreis, sagen wir mal, konservativ mit nur 7.500 busfahrenden Schülerinnen und Schülern im Landkreis (ohne Stadtbusverkehr Bad Kissingen) rechnet, die an 190 Tagen im Jahr zur Schule und nach Hause fahren, kommt er schon auf fantastisch klingende 2.850.000 Fahrgäste im Jahr. Außerhalb der Stadt Bad Kissingen nutzen nach dieser Rechnung so gut wie ausschließlich Schülerinnen und Schüler den Nahverkehr. Im Verkehrsplanerjargon sind das die „Zwangskunden“, für die die Fahrtkosten über die Schülerbeförderungsmittel getragen werden. Alle anderen meiden überwiegend das Busangebot. Und tragen damit natürlich auch nicht zu Einnahmen bei. Das passt dazu, dass im Landkreis Bad Kissingen rechnerisch auf jeden einzelnen Erwachsenen ein zugelassenes Auto kommt. Was übrigens für Durchschnittsverdiener die Mobilität verdammt teuer macht, denn die Pendlerpauschale nutzt vor allem denen, die eher gut verdienen und weite Wege zurücklegen. Auf den Kosten dafür, dass ein Auto vor allem herum steht, weil es nur für wenige Fahrten gebraucht wird, bleiben die Familien voll sitzen. Der öffentliche Personennahverkehr ist ganz offenkundig keine Alternative zum Auto. Obwohl er das gemäß Art. 2 des Bayerischen Nahverkehrsgesetzes sein sollte. Der Kreis lässt Busse während der Woche vor allem eigenwirtschaftlich, also ohne Zuschüsse abgesehen von den Schülerbeförderungsmitteln fahren. Nur darauf ist das Angebot ausgerichtet.

Dann mögen noch ein paar Kurgäste und Erwachsene im Stadtbusverkehr Kissingen dazu kommen. Wobei ich keine Ahnung habe, wie der Landkreis die angeblich rund 100.000 den Bus nutzenden Kurgäste ermittelt hat. Als ich einmal sonntags den Bus von Bad Kissingen nach Hammelburg genommen habe, habe ich tatsächlich eine Dame kennengelernt (wir waren zu dritt im Bus: Fahrer, Dame und ich), die mit ihrer Kurkarte den Bus genutzt hat. Die hat sie meiner Erinnerung nach nur vorgezeigt, gezählt wurde da nichts. Deswegen sollte man vor einer Bewertung vielleicht die ja erst für nächstes Jahr angekündigte Fahrgastzählung abwarten. Und vielleicht auch mal die Fahrgastentwicklung über die letzten Jahre öffentlich machen.

Zuschüsse gibt es offenbar vor allem für die Freizeitbusse, die zwischen Mai und Oktober fahren, aber nur an Wochenenden und Feiertagen. Aber den „Saaletal“- und den „Sinntalbus“ wird es nächsten Sommer nur noch als Rufbus geben. Offenbar sind die dann doch nicht so ganz der Renner. Ob es richtig ist, Zuschüsse für den Nahverkehr fast ausschließlich auf Angebote für Touristen zu beschränken, und die eigene Bevölkerung mit ihren Alltagsbedürfnissen unter der Woche – Arztbesuche, Einkaufen, Berufspendler – weitgehend hängen zu lassen, darf man fragen. Im Gesundheitsbereich ist die Strategie des Landkreises leider ähnlich: Die GesundheitsregionPlus befasst sich mit Themen wie „Gesund urlauben“ – die Sicherstellung der Hebammenversorgung hat weniger Priorität.

Geschätzte 3,5 Mio. Fahrgäste bei rund 103.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sind also, so schätze ich das mit den Informationen ein, die der Landkreis öffentlich macht, kein Erfolgsnachweis, sondern eher ein unterstes Minimum an unvermeidbaren Nahverkehrspassagieren. Ich weiß, dass eine so deutliche Aussage nicht überall gut ankommt. Aber wenn wir uns nur etwas vormachen, weiter ohne ehrliche Analyse und ohne konkrete Ziele herumwursteln, wird die Verkehrswende nicht gelingen. Verantwortlich dafür ist nicht der Nahverkehrsbeauftragte. Dass der Nahverkehr für die Allermeisten im Landkreis keine Alternative zum Auto ist, liegt an falscher politischer Prioriätensetzung, daran, dass wir seit Jahrzehnten eine komplett auf das Auto konzentrierte Politik machen: Im Bund, in Bayern und im Landkreis. Das können und müssen wir ändern. Wenn – was zur Abwendung der Klimakatastrophe unumgänglich ist – der Ausstoß von CO2 demnächst bepreist wird, dann wird die Schaffung von Alternativen zum eigenen Auto nicht nur zum ökologischen, sondern auch zum sozialen und wirtschaftlichen Gebot. Wenn der Landkreis hier nicht eine grundlegend andere Strategie fährt und deutlich mehr Mittel in Alltagsmobilität investiert, werden wir zurückfallen.

Was ist realistisch? Der autofreie Landkreis sicher nicht. Das Auto wird eine große Bedeutung behalten. Aber realistisch ist es, den Zwang zum Zweit- oder Drittauto im Haushalt abzuschaffen.

Wie geht das?

- Die Fahrzeiten mit dem öffentlichen Nahverkehr müssen beschleunigt werden. Alles, was von Haustür zu Haustür (Parkplatzsuche usw. eingerechnet) mehr als 1,5 Mal so lange dauert wie der Weg mit dem Auto, ist unattraktiv, eigentlich unzumutbar. Das geht vor allem mit einer guten Verknüpfung des Busverkehrs mit der Bahn und mit Expressstrecken für Pendlerinnen und Pendler. Die Busse müssen zur Bahn und zu Expressbusstrecken führen. Das wissen wir übrigens schon seit dem letzten Nahverkehrsplan des Landkreises, der aus dem Jahr 2007 stammt.

- Direktverbindungen, zum Beispiel zwischen Hammelburg und Bad Brückenau.

- Das Busangebot muss leicht verständlich werden. Klare Taktung, die man sich merken kann: „Alle zwei Stunden um Viertel nach fährt der Bus nach…“ statt: „7.07 Uhr, und dann wieder um 11.26 Uhr, aber über eine andere Strecke und an einer anderen Haltestelle und nur an ungeraden Kalendertagen bei abnehmendem Mond“: Zum Teil weniger, dafür aber leicht auffindbare, gut ausgestattete Haltestellen.

- Wenn gefeiert wird, muss das ohne Auto gehen. Wenn wir nächstes Jahr 1200 Jahre Elfershausen und 1250 Jahre Münnerstadt feiern, dann sollten da Freizeitbusse hinfahren: Wegen der Verkehrssicherheit, wegen des Umsatzes und wegen des Klimas: Sonst gibt es beim nächsten Jubiläum nichts mehr zu feiern.

Weitere Elemente kommen dazu: Monatskarten, mit denen man mehr kann, als Bus fahren. Kluge Angebote für die “letzte Meile” zur Haustür. Eine Einbeziehung von gewerblichen Fahrdienstanbietern. Und vieles mehr...

Manches davon ist vergleichsweise einfach zu machen, manches kostet richtig Geld. Sicher müssen wir Schritt für Schritt vorgehen. Aber eine niedrige Kreisumlage und eine Standortkampagne nützen uns nichts, wenn die grundlegenden Standortfaktoren bei uns nicht stimmen. Wenn die Bundes- und die Landespolitik endlich von der Finanzierung des Straßenbaus (und von Fehlleistungen der CSU-Bundesverkehrsminister) zur Finanzierung von Mobilität umschwenkt, und das wird sie tun müssen, werden auch die Mittel für den Verkehr im ländlichen Raum steigen. Wohl dem, der dann einen Plan hat!

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