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Das Politische ist privat – was anders ist in der Politik auf dem Land

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in winzigen Dörfern und einer Kleinstadt, und wie lange ich dort „Politik gemacht“ habe, wie man so sagt, weiß ich gar nicht genau.

Jahrelang jedenfalls, bevor ich mit 18 Mitglied der Grünen geworden bin: Als Schülersprecherin mit dem Schuldirektor herumgestritten, Leserbriefe geschrieben, Plakate geklebt, für das Volksbegehren „Das Bessere Müllkonzept geworben“, gegen die Republikaner demonstriert und so weiter. Ende der Neunziger habe ich mein politisches Engagement dann in die kleine Großstadt in der Nachbarschaft der Heimat, nach Frankfurt am Main verlagert. Wieder Plakate geklebt, Leserbriefe geschrieben, demonstriert, als ehrenamtliche Parteisprecherin, aber auch sechs Jahre als hauptberufliche Politikerin, um dann wieder auf die Seite des Basismitglieds und der Wählerin zu wechseln.

Die Perspektive öfter mal wechseln – das ist vielleicht der rote Faden bei mir.

Jetzt gerade mache ich das wieder, als Bundestagskandidatin für die Grünen in meiner wirklich ländlichen Heimat rund um Bad Kissingen. Natürlich – mit den Eltern, der Verwandtschaft, den Freunden vor Ort habe ich auch all die Jahre zwischendurch immer darüber geredet, was so los ist zu Hause, worüber sich die Leute aufregen, worüber der Stadtrat in Hammelburg oder der Gemeinderat in Elfershausen sich streiten und welche Sorgen man so hat. Aber in den letzten Wochen, in denen ich mit der Familie und den Freundinnen und Freunden darüber diskutiere, wo es eigentlich hingehen könnte in Unterfranken, welche Probleme es gibt und welche Lösungen, fällt es mir ein grundlegender Unterschied zur Politik in der Stadt erst richtig auf: Die Menschen erwarten viel weniger von Politik als in der Stadt. Und das ist zweischneidig. Einerseits liegt es an der großen Kraft zur Selbstorganisation, die die Menschen auf dem Land denen in der Großstadt voraushaben. Bestimmt ist es auch die (notwendige) Bürokratie großer Kommunalverwaltungen, die diese Selbstorganisation erdrückt. Wo in Frankfurt so gut wie keine gestalterische Maßnahme im öffentlichen Raum ohne Ausschreibung und Beauftragung denkbar ist, saniert die Altherren-Wandergruppe des FC Neuwirtshaus einen alten Kohlenmeiler selbst, oder eine informelle Rentnertruppe aus Langendorf richtet das Pflaster am Friedhof. Und das gilt genauso für viele andere Themen: Bevor man auf die Idee kommt, nach Gemeinde oder Staat zu fragen, schaut man erstmal, ob man es selbst hinkriegt.

Auf der anderen Seite schildern mir die Menschen Erfahrungen und Sorgen, die sie nur als ganz persönliche oder private Fragen wahrnehmen und nicht als politische Anliegen. Dabei sind das oft Themen, die man an die Politik adressieren und die die Politik auch lösen kann, und keine des persönlichen Schicksals, mit dem man sich abfinden muss. Das gilt für die schlechten Erfahrungen mit der Krankenhausversorgung im Landkreis Bad Kissingen und für die Sorgen, ob es in Zukunft noch genug niedergelassene Ärztinnen und Ärzte geben wird, von denen ich immer wieder höre. Ja, die Krankenhäuser sind privatisiert, ja, es ist ein Landkreis, in dem die Bevölkerung den Prognosen nach eher weiter abnehmen könnte. Aber deswegen bleibt die Sicherstellung einer verlässlichen medizinischen Versorgung trotzdem eine öffentliche Aufgabe. Der Landkreis ist auch nach der Privatisierung gesetzlich verpflichtet, die angemessene stationäre Versorgung und die Versorgung mit Hebammen zu gewährleisten. Es gibt Strukturbeihilfen für Krankenhäuser, die notwendig sind, aber aufgrund der Bevölkerungsstruktur nicht ausreichend ausgelastet werden können, um aus eigener Kraft schwarze Zahlen zu schreiben. Es gibt kluge Konzepte für eine bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Notfallbereitschaft und Versorgung im ambulanten, stationären und pflegerischen Bereich. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung des Gesundheitswesens hat zuletzt in seinem Gutachten 2014 zahlreiche konkrete Vorschläge gemacht. Sich auf eine gute gesundheitliche Versorgung verlassen zu können, ist keine Glückssache, sondern ein Anspruch jeder Bürgerin und jedes Bürgers, egal, wo er lebt. Und zuständig ist die Politik.

Das Gleiche gilt für andere Themen: Dass man ohne eigenes Auto abends nirgends hinkommt, wenn man es nicht privat organisiert, ist kein unumstößliches Naturgesetz. Aber die Menschen fühlen sich gar nicht ermutigt, ihre Bedürfnisse zu formulieren oder gar Forderungen aufzustellen. Dabei gibt es für den ländlichen Raum funktionierende Mobilitätskonzepte, und je älter die Bevölkerung wird, desto nötiger sind sie.

Vieles, was die Menschen hier als privat wahrnehmen, ist tatsächlich eine politische Frage. Oft ist von einer Überforderung der Politik die Rede, und manchmal teile ich diese Einschätzung. Aber bei mir auf dem Land lohnt es sich, die Politik ein bisschen mehr zu fordern. Und darauf freue ich mich.

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